Eine neue Kostenasymmetrie
Vor generativer KI verursachte ein langer, professioneller Rechtsbrief auch auf Seiten seines Verfassers erhebliche Kosten. Jemand musste den Sachverhalt untersuchen, die Chronologie ordnen, Argumente auswählen und das Schreiben ausformulieren. Heute lässt sich der Anschein dieser Arbeit in wenigen Minuten erzeugen.
Der Empfänger kann das Ergebnis nicht gefahrlos ignorieren, nur weil KI beteiligt war. Anwälte, Arbeitgeber, Lieferanten, Versicherer oder frühere Geschäftspartner müssen möglicherweise jede Behauptung identifizieren, jedes Datum prüfen, jede Rechtsquelle kontrollieren und entscheiden, welcher Punkt die rechtliche oder wirtschaftliche Lage verändert. Die Kosten des Produzierens brechen ein; die Kosten verantwortungsvoller Prüfung bleiben.
Von Workslop zur Streitkorrespondenz
BetterUp und das Stanford Social Media Lab nennen KI-generierte Arbeit, die fertig aussieht, die eigentliche Denk- und Aufräumarbeit aber auf andere verlagert, „Workslop“. In ihrer Befragung von 1.150 vollzeitbeschäftigten US-Büroangestellten im September 2025 gaben 40 Prozent an, im Vormonat Workslop erhalten zu haben. Die Befragten schätzten durchschnittlich zwei Stunden zur Bereinigung eines Vorfalls und monatliche Kosten von 186 US-Dollar pro Beschäftigtem.
Diese Zahlen betreffen die Arbeitswelt allgemein, nicht speziell Rechtsstreitigkeiten. Der Verlagerungsmechanismus ist jedoch derselbe. Eine polierte Oberfläche kann fehlenden Kontext, erfundene Details, doppelte Argumente oder ungeprüfte Schlussfolgerungen verbergen. Im normalen Arbeitsablauf entsteht Nacharbeit; im Streit entstehen Prüfungsrisiko, Verteidigungskosten und der Druck, ebenso umfangreich zu antworten.
Warum Streitigkeiten den Aufwand verstärken
Konflikte machen Empfänger vorsichtig. Eine sechsseitige Beschwerde enthält vielleicht nur drei wesentliche Tatsachen – doch das weiß der Empfänger erst, nachdem jemand alle sechs Seiten gelesen hat. Eine erfundene Gerichtsentscheidung kann trotzdem eine Datenbanksuche erfordern. Ein vager Vorwurf kann die Durchsicht monatelanger Nachrichten und Rechnungen auslösen.
Branchenberichte beschreiben inzwischen Mandanten, die Anwälten umfangreiche KI-generierte Fragen, Strategien und Dokumente schicken und dadurch mehr statt weniger Prüfungsarbeit verursachen. Die Law Society Gazette spricht von einem wachsenden „AI slop“-Problem vor Gerichten, weil plausibel klingende, aber unzuverlässige Eingaben dennoch von Richtern und Anwälten bearbeitet werden müssen.
- Mehr Wörter erzeugen mehr zu überprüfende Behauptungen.
- Formaler Ton lässt schwache Argumente autoritativer erscheinen.
- Jede Antwort wird zum Ausgangsmaterial der nächsten KI-Gegenantwort.
- Menschliche Aufmerksamkeit bleibt die knappe und teure Ressource.
Die KI-gegen-KI-Eskalationsschleife
Sobald beide Seiten KI einsetzen, nähern sich die Grenzkosten einer weiteren Runde null. Eine Partei erzeugt eine umfassende Antwort. Die andere lässt ihr Modell Lücken, Widersprüche und stärkere Formulierungen suchen. Dieses Ergebnis geht zurück an das erste Modell, das neue Einwände entdeckt. Jede Runde wirkt für sich vernünftig; zusammen bilden sie eine negative Endlosschleife.
Forschung zu schwierigen E-Mails am Arbeitsplatz zeigt, dass LLM-unterstützte Texte formeller und empathischer sein können und dass die Kombination Mensch plus KI in manchen Szenarien besser abschneidet als beide allein. Das Problem lautet daher nicht „KI-Schreiben ist immer schlecht“. Das Problem ist Generierung ohne Verantwortung für Relevanz, Richtigkeit, Verhältnismäßigkeit und Abschluss.
Nicht jede lange KI-unterstützte Nachricht ist Missbrauch
Verbraucher, Arbeitnehmer oder kleine Unternehmen nutzen KI möglicherweise, weil professionelle Hilfe zu teuer ist, weil sie in einer Fremdsprache schreiben oder weil sie eine komplexe Geschichte ordnen müssen. Länge allein beweist keine Bösgläubigkeit, und der Einsatz von KI darf einen Streit niemals automatisch gegen den Nutzer entscheiden.
Die faire Frage ist funktional: Nennt die Eingabe überprüfbare Tatsachen, relevante Beweise und ein konkretes gewünschtes Ergebnis? Werden Manipulation, erfundene Inhalte oder bewusste Mengentaktiken behauptet, müssen zuerst Urheberschaft und Kontext geklärt werden; die betroffene Partei muss Gelegenheit zur Erklärung erhalten.
Eine bessere Antwort als weitere zwanzig Seiten
Die Antwort auf Korrespondenzinflation ist kein Verbot nützlicher Schreibwerkzeuge. Sie ist eine andere Kommunikationsarchitektur. Ein Streitverfahren sollte eine Chronologie extrahieren, Behauptungen von Beweisen trennen, das tatsächlich gewünschte Ergebnis jeder Partei feststellen und Tatsachenfragen schließen, sobald die Akte vollständig ist.
din.org nennt diese Kategorie den KI-E-Mail-Krieg: einen Konflikt, in dem mehr Sprache fast nichts kostet, eine verlässliche Entscheidung aber teuer bleibt. Strukturierte Online-Streitbeilegung soll Umfang nicht belohnen, sondern beide Seiten zu einer endlichen, prüfbaren Akte und einem konkreten Vergleichspfad führen.